CDC – BAUSTELLE

Warum Baustelle bei Christa de Carouge? Bei mir sind die Kleider doch fertig und bezugsbereit? Keine Nähte sind mehr offen, keine Fäden hängen herunter?

Von meiner Wohnung aus schaue ich auf die Baustelle eines neuen Hauses. Ich beobachte, wie Eisenträger in den Boden gerammt werden und Anschlüsse scheinbar sinnlose in die Luft ragen. Das Bild erinnert mich an die Entstehung meiner Kleidungsstücke. Mancher Schnitt in den Stoff und die vielen, baumelnden Fäden sind für ungeübte Augen nichts anderes als ein chaotisches Durcheinander.

Im Tagesanzeiger las ich kürzlich einen Kommentar, der mich beeindruckte. „Auch wenn’s auf den ersten Blick nicht so aussieht, auf den Baustellen herrscht Ordnung. Insofern dürfte die Baustelle auch ein Vorbild sein für unseren Kopf: Gedanken ordnen, Zusammenhänge sehen. Und mit Blick in die übrige Welt ein bischen Gelassenheit entwickeln.“

Ordnen wir also die Gedanken und schauen mit Gelassenheit auf meine verschiedenen Baustellen und auf die Zukunft von CdC.

Nicht nur Baustellen, auch Coutureateliers sind streng geordnet. Architekten und Modedesigner müssen immer eine Vision vom fertigen Aussehen vor Augen haben. Bis zum letzten Pinselstrich oder Nadelstich müssen sie aber auch tausend Details im Kopf haben, damit die Anschlüsse wirklich dort sind, wo später warmes Wasser fliessen soll oder der Schlitz im Stoff am richtigen Ort zur Innentasche wird. Das funktioniert nur, wenn sie in keiner Phase der Entstehung das fertige Ganze aus den Augen verlieren. Sie müssen die Zusammenhänge immer sehen, müssen den Überblick behalten.

Mein Baumaterial sind die Stoffe. Ich bin bekannt dafür, von jedem Material nur die allerbeste Qualität zu verarbeiten, weil ich oft jahrelang nach dem besten Klosterstoff, der feinsten Seide, der angenehmsten Mikrofaser suche. Stoffe mache ich nicht selber, aber über die Jahre hat sich eine kreative Zusammenarbeit vor allem mit zwei Firmen entwickelt: Mit dem Seidenhaus Weisbrod und mit Martin Leuthold, dem Art Director bei Jakob Schlaepfer in Sankt Gallen, das die Haute Couture seit Generationen mit Qualitätsstoffen beliefert.

Martin Leuthold ist ein grosser Sucher und Entwickler, der aus allen möglichen und unmöglichen Materialen Stoffe baut, wie etwa aus Rosshaar oder Silber. Er lasert Neopren, das sonst Schwimmer und Taucher tragen. Neuerdings überrascht er durch Schaumstoff mit Kunstlederbezug. Er schafft zum Teil Exklusivitäten, die kaum je in einem Laden zu sehen sind – ich aber baue aus seinen Stoffen Kleidungsstücke, die eigentlich Kunststücke sind. Wenn man sie auszieht, hängt man sie besser an die Wand als in einen Schrank. Sie sind so kostbar, dass ich aus den Stanz-Abfällen Stolas herstelle. Auf seinen silbernen Paillettenstoff lässt sich mit der Fingerspitze eine schwarze Kalligrafie zeichnen oder eine Liebeserklärung schreiben, weil sich die Pailletten beim Drüberfahren mit dem Finger umdrehen und dabei ihre Farbe wechseln. Martin Leuthold und ich inspirieren einander und spornen uns gegenseitig an.

Die andere kreative Zusammenarbeit ist entstanden mit dem Seidenhaus Weisbrod – einem Veredlungskünstler. Weisbrod ist mein Plissee-Spezialist. In meiner Kindheit war Plissee immer streng und gradlinig. Der Plisseerock war ein Klassiker für brave Mädchen, die immer fleckenlos assen und nie herumrammelten. All das entspricht nicht ganz meinem Kundenprofil. Im Grunde ist Plissee eine Technik zur Thermofixierung von Stoffen. Weisbrod ist ein Meister darin, irritierende und faszinierende Faltenwürfe in seine fragilen Stoffe zu pressen. Er macht jede Form und Figur möglich. Wenn ich zum Beispiel ein zerknülltes Papier als Wunschmuster vorlege, kann Weisbrod das umsetzen und festhalten. So ist der reizvolle Stoff „Crash“ entstanden.

Eine andere Baustelle sind die Kundinnen und Kunden mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen. Als junge Frau erlebte ich in Paris eine Enttäuschung, die mich prägte. Ich hatte mir bei Sonja Rykiel eine weite Hose auf festem Wolljersey gekauft, die perfekt sass. Sie war mein Stolz und wurde meine Lieblingshose. Ich trug sie fast Tag und Nacht und baute meine Garderobe rund um diese Hose herum, bis sie eines Tages einfach durchgebraucht war und in Stücke fiel. Natürlich wollte ich sie sofort ersetzen, ging ins Geschäft zurück und fiel aus allen Wolken, als es meine Hose nicht mehr gab. Ich war entsetzt. Keines der neuen Modelle im Geschäft konnte meine Lieblingshose ersetzen; der wichtigste Grundpfeiler meiner Garderobe war einfach weg. Damals beschloss ich: Sollte ich je ein eigenes Geschäft haben, so werde ich Stücke, die so perfekte sind dass die sich gar nicht mehr verbessern lassen, immer führen. Und daran habe ich mich gehalten.

Inzwischen kenne ich die dankbare Erleichterung vieler langjähriger Kundinnen, wenn sie wichtige Bausteine ihrer persönlichen Garderobe bei mir ersetzen können. Nur – manchmal wünscht man sich doch ein frisches, neues Aussehen, ohne gleich auf seine Lieblingsstücke zu verzichten. Und hier rückt nun die neue Baustellenidee in die Nähe meiner Kundinnen und Kunden mit den vollen Kleiderkästen und den Erneuerungswünschen.

Oben in der Galerie des Ladens wird es ab Februar 2010 eine permanente Ausstellung mit Stoffen und Modellen geben, wo sich das Material und der Schnitt nach den Kundenwünschen richten. Natürlich können Sie sich da keine Sonja Rykiel-Hose und kein Chanel-Jäcklein aus meinen Stoffen bestellen, aber im Baukastensystem Variationen meiner Modelle mit anderen Stoffen aussuchen. Bringen Sie ruhig ihre Kleidungsstücke mit, die Sie mit Liebe und Lust seit 20 Jahren tragen – aber bleiben Sie nicht in ihnen stehen. Wir bauen laufend weiter, entwickeln Neues und zeigen ihnen gerne die vielfältigen Spielereien von Alt und Neu. Für ein neues Aussehen braucht es meistens nicht viel. Im Winter reicht dazu ein Detail, wie etwa ein paar Stulpen oder ein faszinierender Kragen. Mit solchen Bauteilen schlagen Sie dem Klimawandel ein Schnippchen, weil sie schnell und ohne schweres Gepäck auf Hitze und Kälte reagieren können.

Jeden Monat wird es in Zukunft neue Elemente geben in meinem Baukasten. Im November kommt zum Beispiel eine neue Kollektion mit Wolljersey, nach dem ich lange gesucht und den ich endlich gefunden habe.

Wie bei einem guten Essen servieren wir Ihnen in Zukunft nicht mehr alles auf einem einzigen, grossen Teller. Dafür gibt es jeden Monat neue Delikatessen, die wir auf unserer permanenten Baustelle entwickeln.

So, und damit sind wir mitten drin in den Baustellen in meinem Kopf, beim Gedanken ordnen, Zusammenhänge sehen, beim gelassen auf die Welt blicken.

Wie es auf Bauplätzen üblich ist, lade ich Sie jetzt ein zum Aufrichtefest 2009 mit Speis und Trank.

Willkommen auf meiner Baustelle.

  1   2   3   4   5   6   7